Bujinkan Wakagi Dojo Nürnberg
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Loslassen

Man nimmt ja immer etwas anderes aus einem Training mit. Natürlich ist es beim Trainingsaufenthalt in Japan nicht viel anders. Je nachdem, wo man in seiner Entwicklung steht, und für was man gerade „offen“ ist, sieht, hört und fühlt man bei jedem Aufenthalt etwas anderes. Man findet einen neuen Schwerpunkt und konzentriert sich darauf, an diesem Thema zu arbeiten.

Mir fällt dieses Mal (wieder) besonders auf, wie wichtig es ist, loszulassen. Fallenzulassen. Zuzulassen.

Neben all den anderen wichtigen Dingen, die natürlich auch immer Thema sind, und in jede „Technik“ mit hineinspielen, wie beispielsweise Rhythmus, Timing, Distanz, Kamae, Intention, Nicht-Intention, usw., möchte ich heute also mit euch ein paar Gedanken zum Thema „Loslassen“ teilen.

Hatsumi Sensei bewegt sich wie immer absolut natürlich, und lässt dabei keine spezielle Absicht erkennen. Dabei stellt er in einer Art und Weise Kontakt zu Uke her, die ihn von Beginn an unter Kontrolle hält. Speziell spreche ich hier nicht (nur) von der mentalen Kontrolle von Uke (Trainingspartner) und Kukan (Raum), sondern der unmerklich physischen Kontrolle. Soke berührt mit der Fingerspitze Ukes Handrücken, positioniert Schulter oder Ellenbogen an Ukes Arm oder Körper, und vermag es, durch das richtige Timing Ukes Kamae (Stellung) in eine für diesen ungünstige Position zu beeinflussen. Dies schafft Soke, indem er Ukes Bewegung derart weiterführt, dass Uke „lang gemacht“ wird, er seine „Mitte“ verliert (Balance), oder aber, eine „Spannung“ aufbaut. Ohne zu greifen. Durch leichten Druck, oder durch Reibung.

Dabei wird Uke durch den hergestellten Kontakt entweder das Gefühl vermittelt, auf einen Druck „reagieren“ zu müssen. Oder es ist tatsächlich eine körperliche Komponente dabei, wie zum Beispiel dem unmerklichen Strecken des Armes, der dann leicht gegen die Schulter geschoben wird, wodurch diese die Wirbelsäule dreht, die dadurch die Hüfte kippt, weshalb Uke sein Kuzushi (Gleichgewicht) verliert, …

Dies ist der Moment, in welchem Uke unter einer Art „Spannung“ steht. Soke vermag es, diese Spannung von einem Moment zum anderen zu lösen, Uke „gehen zu lassen“, ihn „fallen zu lassen“, die (unmerkliche) Gegenbewegung (Ausgleich) des Gegners „zuzulassen“.

Das unvermittelte „Loslassen“ von Uke, oftmals in eine für diesen noch ungünstigere Richtung „geführt“, bricht Ukes Kuzushi nun vollends, was ihn zu Fall bringen kann, oder aber für weitere Aktionen vorbereitet, wie beispielsweise das Entwaffnen, Schlagen, Hebeln oder aktive Werfen.

Die oben angesprochenen Prinzipien von Kamae, Kukan, Timing, Rhythmus, Winkel, usw. spielen bei der hier beschriebenen „Kunst des Loslassens“ selbstverständlich eine sehr wichtige Rolle. Kaum ein Aspekt lässt sich im Bujinkan isoliert betrachten. Eins gehört zum Anderen, und die Kreise schließen sich zumeist dann, wenn man eine Sache unbewusst einsetzen kann, während man an einer anderen arbeitet.
So muss man dem Gegner beispielsweise die „Zeit“ geben, den Impuls auch wahrzunehmen, und gegebenenfalls darauf zu reagieren. „Yukuri“ hat hier also wieder seinen wichtigen Platz im Training gefunden, ebenso wie das Prinzip „Hanpa“, über das ich auch schon einmal einen kleinen Essay fürs Dojo geschrieben habe.

Yukuri, sich Zeit lassen, Zeit nehmen, Zeit geben, langsam machen…

Hanpa, etwas nicht zu Ende bringen, sondern „halbfertig“ machen, und dann anders weitermachen (perfekt für das „Loslassen“, wenn man den Gegner zuerst unter „Spannung“ gebracht hat).

Das sind hier nur ein paar wenige Stichpunkte zum Thema, es lässt sich – wie ihr sicher merkt – nur sehr schwer in Textform beschreiben, was ich hier wiedergeben möchte. Es ist schon schwer es zu verstehen, wenn man es sieht, oder am eigenen Leib zu spüren bekommt. Eine wirklich faszinierende Sache.

Man bekommt nicht das Gefühl, dass Soke mit einem kämpft. Er sagt das auch immer. Es geht nicht um den Kampf, es geht um die Kontrolle. Den Raum kontrollieren. Den Gegner kontrollieren. Er positioniert sich, legt hier den Ellenbogen unmerklich an, hebt die eigene Schulter leicht, der Finger der anderen Hand tippt dorthin, er positioniert sich etwas um (z. B. in eine „totoku no kamae“, stellt sich also „hinter seinen Finger“), verschiebt seinen Schwerpunkt leicht, nimmt den Finger wieder weg, und legt die Hand an jene andere Stelle. Und plötzlich fliegt Uke, als hätte jemand das Dojo plötzlich um 60 Grad gekippt.

Ich fang schon wieder an.

Vielleicht ist es besser, sich mal wieder – wie so oft – Gedanken darüber zu machen, wie man diese Prinzipien des Taijutsu in den Lebensalltag übernehmen kann. Ich finde viele Beispiele in meinem Leben, auf die es sich übertragen lässt. Beruf, Familie, Freundschaft, Sexualität, Verein, U-Bahn, Kinder, Freizeitgestaltung, Autofahren, Sport, Spaziergänge, usw.

Überall lassen sich Prinzipien aus Sokes Bujinkan-Training positiv einbringen. Kindern muss an Raum geben, ohne sie völlig außer Kontrolle zu lassen, damit sie sich entwickeln können. Freundschaften muss man Zeit geben, um sich zu vertiefen. Im Beruf kann man Kollegen, Mitarbeiter, Kunden o. ä. durch sein eigenes Verhalten beeinflussen, sie so in bestimmte Richtungen lenken, ihnen ein „Gefühl“ vermitteln, das in ihnen ein bestimmtes Verhalten auslösen kann.

Abends am U-Bahnhof kann die richtige Kamae Selbstbewusstsein vermitteln, so dass man nicht zum „Opfertyp“ wird, sie hilft aber auch, sein Umfeld besser einzuschätzen.

In einem Streit (Kampf) beispielsweise ist es oftmals besser, dem anderen (Angreifer/Uke) ein Stück weit nachzugeben. Nachzufragen, warum der andere einen in dieser Form anspricht, oder was genau mit diesem Vorwurf gemeint ist. Verständnis für die Position des anderen zu zeigen. Man nimmt so ein gutes Stück Energie aus dem „Angriff“ heraus. In dem nun vielleicht eher möglichen „Gespräch“ kann man aber auch – z .B. mit „Ich-Botschaften“ auf die eigene Wahrnehmung zum Thema eingehen, und dem anderen damit aufzeigen, wie man selbst das alles empfunden hat/empfindet. Das ist wie der „Fingertip“, oder das Anlegen des Ellenbogens. Es ist ein unmerklicher Pfosten, den man setzt: „Halt, Du hast auch Fehler gemacht“, nur anders formuliert. Der andere geht darauf ein, und gerade zu Beginn vielleicht wieder in eine Rechtfertigung, einen Angriff über.

Geh nun weg von diesem Punkt, und gehe auf dessen Argumente ein, frage nach, verstehe, und gib einen neuen Aspekt zu bedenken. Du veränderst so schon wieder die Position, und nimmst ihn dabei mit (Taihenjutsu), kannst auch die Ebene verschieben (Mogurigata, Juppo Sessho…), indem Du zwischen emotionaler („wie geht es mir dabei“, „hast Du das wirklich so empfunden? Das tut mir leid…“) und sachlicher Ebene wechselst.

Durch einen Perspektivwechsel (versuch, Dich und Deinen „Uke“ mal von außen zu betrachten, versetze Dich in seine Position …) behältst Du einen besseren Überblick und die Kontrolle über die Situation.

Wenn Du auf das anfängliche Anschreiben und Anschuldigen ebenso reagierst, wirst Du vermutlich nicht recht weiterkommen, die Situation verhärtet sich.

Bestimmt kennt der ein oder andere so etwas.

Versucht ab und zu mal, bewusst im Alltag etwas anders zu machen.

Seid mal besonders freundlich und zuvorkommend, wenn euch jemand anschnauzt im Geschäft. Oder am Telefon. Seid mal so besonders freundlich und höflich, auch wenn der andere euch nicht anschnauzt, sondern einfach „normal“ ist. Beobachtet mal, wie sich die Situation verändern kann. Gebt mal ein Lob, ein Kompliment, oder anerkennt in geeigneter Weise – und sei es nur durch eine entsprechend geäußerte Bemerkung – die Leistung eines anderen.
Das sind nur wenige Beispiele, m seine Umwelt positiv zu beeinflussen, und das sind Möglichkeiten, Kontrolle über seine Umwelt auszuüben.

Ebenso könnt ihr durch gezielt gesetzte Bemerkungen, Gesten, Mimik oder Geräusche euer Gegenüber auch „aus der Reserve“ locken, ohne dass es für Dritte in dieser Form bemerkt wird. Beobachtet andere, und versucht zu verstehen, wo ihre Schwachpunkte (Kyusho) liegen. Diese könnt ihr nutzen, um ihn aus der Balance (Kuzushi) zu bringen, so dass er sich zu weit hinauswagt, und vielleicht Dinge sagt, die euch in eine bessere (Verhandlungs-)Position bringen, oder gute Argumente liefern.

Das ist wie im Taijutsu. Beispiele dafür könnt ihr sehr oft in eurem eigenen Training im Dojo finden.
Wenn Kinder älter werden, muss das Herz auch lernen, loszulassen. Der Druck, der sich daheim gerade mit Teenagern aufgebaut hat, wird so gelöst, und der Umgang miteinander verbessert sich in der Regel deutlich. Die behüteten (oder „eingeengten“) jungen Menschen können endlich ihren eigenen Weg gehen, eigene Erfahrungen sammeln, eigene Fehler machen, und stärker werden.

Letztlich ist es das, was Hatsumi Sensei lehrt. Ein besseres Leben zu führen. Es ist nicht wirklich wichtig, Techniken zu beherrschen. Soke gibt uns viele Anhalte dafür, wie wir unser Herz und unseren Geist schulen können, um ein besseres Leben zu führen. Ein unerschütterliches Herz (Fudoshin) lässt sich nicht aus der Ruhe bringen oder einschüchtern. Es vermag ruhig, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Zurück zum Anfang. Ich werde mich bemühen, die oben angesprochenen Prinzipien (weiterhin) im Dojo zu vermitteln. Ich kann dadurch selbst üben, und mein Taijutsu verbessern. Daher danke ich euch, dass viele von euch fleißig zum Training kommen, damit ich mit euch trainieren kann. Und ich hoffe, auch Wege zu finden, die euch weiterhin dabei helfen, diese Dinge zu erfahren und zu lernen, und euch weiter stetig und individuell zu verbessern.

Und ich möchte anregen, das, was wir im Dojo sagen und tun in euren Alltag zu übertragen, so dass ihr einen echten Nutzen daraus ziehen könnt. Denn ihr werdet nicht mit einer Naginata gegen Schwertkämpfer bestehen müssen, wenn ihr außerhalb des Dojos unterwegs seid, und sicher müsst ihr auch nicht mit einem Nawa gegen zwei Angreifer agieren, die ihr am Ende verknotet bei eurem netten Polizeibeamten eurer zuständigen Polizeiinspektion abgeben könnt.

Das ist wie ihr wisst doch alles nur ein Vehikel, um eure Bewegungen zu schulen, für mehr Flexibilität im Kampf mit und ohne Waffen zu sorgen, UND eben auch, um sich „etwas“ fürs Leben mitzunehmen.

Wir machen Budo. Nicht Sport.

Ganbatte Kudasai.

Dino

Noda, Japan, 04.03.2018